Es war einmal – vor allzulanger Zeit – da lernte ich einen Mann kennen, der mit Freunden aus “höheren Kreisen” verkehrte. Er fühlte sich geadelt, da sie ihn in ihre illustre Runde aufgenommen hatten und wollte mich dort einführen.
Die Eltern dieser Freunde waren meistens auf
Reisen. Die Väter schipperten mit ihren Segelyachten auf der
Ostsee herum. Die Mütter weilten irgendwo im Süden.
Darum herrschte an den Wochenenden sturmfreie Bude. Die Party begann am
Freitagabend und endete Montagfrüh. Der Sohn des Besitzers
plünderte den elterlichen Weinkeller und schenkte den Wein,
sowie den gesamten Biervorrat, an die Gäste aus.
Während die Frauen sich zurückhielten, wurden die
Männer von Schluck zu Schluck lauter und agressiver, und
meistens endete die Party in Zank und Streit, der aber am
nächsten Morgen vergessen war.
Zu später Stunde hatten wir Mädchen die ehrenvolle
Aufgabe, die Partystätte aufzuräumen und die
Gläser zu spülen. So hatte ich mir das Leben in der
High Society schon immer vorgestellt.
Eigentlich hatte ich diese Episode längst
vergessen. Nur heute, als ich wie gewohnt in meine rote Zwiebel biss,
hatte ich eine Art Flash. Die Geschichte von der Zwiebeljette fiel mir
wieder ein.
Jette war eine der wechselnden Freundinnen des Sohnes der Familie. Ich
mochte sie sofort. Sie langweilte sich genauso wie ich. Um Mitternacht
ging sie in die Küche und kam mit einer großen
Zwiebel zurück, die sie wie einen Apfel verspeiste. Die
Gäste am Tisch lachten oder riefen:
“Igittigitt”, und ihr Kurzzeitfreund sagte:
“Mach bloß, dass du wegkommst. Du
stinkst!” Was sie aber nicht beeindruckte.
Später, im Winter, traf ich Jette noch einmal beim Apres-Ski
im Harz. Aber ohne Zwiebel.
Nun muss ich mich wohl mal outen: Ich esse seit Jahren täglich eine rote rohe Zwiebel. Und sie ist wahrscheinlich Schuld daran, dass ich ständig schreibe. Schon beim ersten Bissen geschieht es: Die Schärfe erwacht auf der Zunge, breitet sich aus, ergreift den Rachenraum – überrollt den Nasenraum und wälzt sich brennend hinauf bis ins Gedankenfach. Und dort oben mobilisiert sie Hunderte von Märchen, die noch alle erzählt werden wollen. Heute war es die Geschichte von der Zwiebeljette.
Und wenn ich nicht gestorben bin, so schreibe ich noch heute und morgen und… und…
© Karin Rohner 2011
Geschichten - Zwiebeljette -Philosophisches zur Nacht - Der Storch von Zehdenick -
