|
|
|
|
|
Liebe-Lose-Gedichte -
Zwischen Griechenland
und Internet
Kleine
Einführung in die Dichtkunst -
mit Textbeispielen klassischer Dichter
V. Die Serbischen
Trochäen
|
|
Klaggesang von der edlen Frauen
des Asan Aga
(Auszug - Goethe, nach einer
französischen
Übersetzung des serbischen Gedichtes)
Was ist Weißes dort am grünen Walde?
Ist es Schnee wohl oder sind es Schwäne?
Wär es Schnee, er wäre weggeschmolzen;
wärens Schwäne, wären weggeflogen.
Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne,
's ist der Glanz der Zelten Asan Aga.
Nieder liegt er drin an seiner Wunde;
ihn besucht die Mutter und die Schwester,
schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen.
Als nun seine Wunde linder wurde,
ließ er seinem treuen Weibe sagen:
"Harre mein nicht mehr an meinem Hofe,
nicht am Hofe und nicht bei den Meinen."
Als die Frau dies harte Wort vernommen,
stand die Treue starr und voller Schmerzen,
hört der Pferde stampfen vor der Türe,
und es däucht ihr, Asan käm, ihr Gatte,
springt zum Turme, sich herab zu stürzen.
Ängstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,
rufen nach ihr, weinend bittre Tränen,
"Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse,
ist dein Bruder Pintorowich kommen!"
Und es kehret die Gemahlin Asans,
schlingt die Arme jammernd um den Bruder:
"Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!
Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!"
Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche,
eingehüllet in hochrote Seide,
ausgefertiget den Brief der Scheidung,
daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,
frei sich einem andern zu ergeben.
Als die Frau den Trauer-Scheidbrief sahe,
küsste sie der beiden Knaben Stirne,
küss't die Wangen ihrer beiden Mädchen.
Aber ach! Vom Säugling in der Wiege
kann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!
Reißt sie los der ungestüme Bruder,
hebt sie auf das muntre Ross behende,
und so eilt er mit der bangen Frauen
grad nach seines Vaters hoher Wohnung.
(Wackernagel, Gedichte, 1845)
Aus den
Abassiden (Platen)
.
|
|